Das Vorzimmer der Hartz-IV-Beratungsinitiative ist ein Umsonstladen. Man sieht dem Raum an, dass Menschen hier versuchen eine gewisse Gemütlichkeit herzustellen. Man sieht aber auch, dass das nicht so ganz klappt. Wie soll es auch gemütlich sein zwischen Gegenständen, die es nicht mal mehr auf den Trödel schaffen und bei denen nun hier versucht wird, sie vor dem Abfalleimer zu retten. In einem der alten karierten Sessel sitzt eine junge Frau in einem schwarzen Mantel und wartet, dass sie an die Reihe kommt, um sich beraten zu lassen. Ich lächle sie an. Sie reagiert nicht. Weil ich so ungeduldig bin und mein Buch zur Zerstreuung vergessen habe, frage ich sie, ob es bei ihr lange dauern wird. Sie zögert und sagt leise, dass sie es nicht weiß. Mir wird klar, dies ist kein Ort für glückliche Menschen und greife verlegen zur Informationsbroschüre. Einige Minuten vergehen, dann klingelt es dumpf und bevor ich hochschaue um zu sehen, woher das Geräusch kommt, spricht sie in ihr Handy. "Ich wollt nur fragen, habt ihr eure Garage noch?" Nutzt ihr sie mit jemanden zusammen? Ist da noch Platz?" Eine Stimme antwortet. Vielleicht ihre Mutter, denke ich. Sie spricht nun laut und atemlos weiter. "Ich muss sofort aus der Wohnung raus, wegen der Mietschulden. Und ich weiß nicht, wohin mit meinen Sachen! Ich weiß nicht, wohin ich soll! Ich war gerade bei der Krankenkasse um zu fragen, ob ich überhaupt noch versichert bin, wenn ich nirgendwo gemeldet bin. Ich kann doch nicht zu einer Freundin, dann denkt das Jobcenter, wir sind eine Bedarfsgemeinschaft und denen wird noch das Geld gekürzt. Und ein Kumpel von mir hat nur eine Ein-Raum-Wohnung, da kann ich nicht unterkommen. Und zu Oma kann ich auch nicht." Sie macht eine Pause und schluckt. Ich schaue sie nicht an, die Tränen kann ich auch an ihrer Stimme hören. Nach einem kurzen Moment spricht sie weiter: "Ich habe dir doch gesagt, dass es mir schlecht geht." Sie atmet tief ein. "Die Jessica hat mir angeboten bei ihr zu wohnen, aber die kriegt in zwei Monaten ihr Baby. Das geht doch nicht! Und mein Zeug. Gut die Möbel sind egal, mein Bett ist neu und meine Küche. Die hat 2000 Euro gekostet. Um die tut es mir leid, die kann ich doch jetzt nicht für 500 Euro verkloppen, nur damit ich sie los bin! Und meine Klamotten, das sind vier Kisten, was mach ich denn mit denen?" Wieder eine kleine Pause. Die Stimme spricht auf sie ein. In meinem Kopf rattert es. Kann sie vielleicht bei uns? Nein. Kenn ich jemanden mit einem Keller? Wo gibts gerade freie Zimmer? Traurig spricht sie weiter. "Ich kann doch nicht nach Erfurt, dann muss ich ja für alle Krankenbesuche nach Jena und ich hab doch kein Geld für die Fahrtkosten." Die Tür zum Beratungszimmer geht auf. Ich schaue sie an und sie macht mir mit einer Handbewegung deutlich, dass ich dran bin. Ich nicke und verstehe. Mit ihrem Telefonat ist sie noch nicht fertig.